Streit mit dem Nachbarn: Wenn der fremde Baum in den eigenen Garten wächst

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24. Juni 2015 / geposted in / 10 Kommentare / von Gast Redakteur

Welcher Gartenbesitzer kennt das nicht: Da will man seine wenige freie Zeit im eigenen, schön gepflegten Garten verbringen und dann das: Die Äste und Zweige von Nachbars riesigem Kirschenbaum wachsen und wachsen und wachsen – aber nicht nur in seinem Garten, nein. Bis in meinen ragen sie schon über die Gartenmauer herein! Dort habe ich übrigens auch schon Risse bemerkt, die bestimmt von den Baumwurzeln stammen. Und aus meinen eingesetzten Erdbeeren (mein Lieblingsobst) wird dieses Jahr wohl auch nichts werden. Denn die benötigen bekanntlich viel Licht, nur bei dem vielen Schatten, den dieser Kirschenbaum wirft …

Genug ist genug, die Säge muss her! Äste und Zweige, die in meinen Garten hängen, darf ich doch selbst abschneiden, weil sie ja schon „auf meiner Seite“ sind. Und die beschädigte Mauer muss doch wohl der Nachbar zahlen, denn der Schaden ist ja nur durch die Wurzeln seines Baumes entstanden! Oder?

Problemfall Nr. 1: Wurzeln, Äste, Zweige wachsen in den Nachbargarten

Laut Gesetz ist es meinem Nachbarn gestattet, seine Bäume, Sträucher und sonstigen Pflanzen in seinem Garten auch nahe der Grundstücksgrenze setzen. Wachsen die Wurzeln seines Baumes (er ist der Baumeigentümer, denn auf seinem Grund steht der Stamm des Baumes) aber über die Grundstücksgrenze hinweg oder hängen Äste und Zweige in meinen Garten, darf ich diese „Beeinträchtigung“ nach § 422 ABGB im Sinne eines Selbsthilferechts beseitigen. Das heißt also, ich als „beeinträchtigter“ Nachbar habe das Recht, Äste, die in meinen Garten hereinragen, und wuchernde Wurzeln des fremden Baumes selbst abzuschneiden. Die Entfernung muss ich allerdings fachgerecht vornehmen, die Pflanzen müssen geschont und dürfen nicht verletzt werden.

Die notwendigen Kosten für die Entfernung der Wurzeln oder das Abschneiden der Äste muss ich selbst tragen (§ 422 ABGB Abs. 2) . Anders verhält es sich allerdings, wenn Schäden (drohen zu) entstehen, wie vermutlich meine Gartenmauer. Dazu gleich mehr.

Aber Vorsicht, Besitzstörung! Ist der Nachbar nicht informiert, darf ich seinen Grund nicht betreten und auch nicht auf den Baum klettern, um Äste abzuschneiden. Daher immer zuerst das Einverständnis holen.

Baumsäge

© Fotolia. Ist der Griff zur Säge erlaubt?

Problemfall Nr. 2: Übermäßiger Schattenwurf

Vor allem an heißen Sommertagen ist ein großer Kirschenbaum oft ein Segen, denn darunter lässt es sich besonders gut entspannen. Aber was tun, wenn das Geäst von nebenan zu viel Schatten in den eigenen Garten wirft, dadurch Licht entzieht und meine Erdbeeren nicht wachsen können? Dann kann ich mich rechtlich mit einer Unterlassungsklage (§ 364 Abs 3 ABGB) wehren. Aber nur, wenn es sich um einen „übermäßigen Schattenwurf“ handelt – also einen Schattenwurf, der das ortsübliche Maß überschreitet und die Nutzung das Gartens beziehungsweise des Grundstücks unzumutbar macht.

Problemfall Nr. 3: Herabfallendes Laub

Wenn im Herbst die Bäume ihr Laub fallen lassen, ist der Streit mit dem Nachbarn schon vorprogrammiert: Denn das Aufkehren, Putzen der Dachrinne oder Entsorgen des Laubes nimmt meist viel Zeit in Anspruch. Noch ärgerlicher ist diese Gartenarbeit natürlich, wenn das Laub nicht einmal von den eigenen Bäumen stammt, sondern von Nachbars Garten in den meinigen fällt. Hier gilt: Ruhe bewahren. Auch wenn die Beseitigung mit einem Arbeits- und Zeitaufwand verbunden ist: Es handelt sich um einen ortsüblichen Aufwand, mit dem ich mich abfinden muss. Leider.

Problemfall Nr. 4: Sturmschäden

Verwehte Gartenstühle, verstreutes Spielzeug, umgestürzte Bäume. Nach einem heftigen Sturm sieht der Garten oft verwüstet aus, der Schreck ist groß. Stürzt das Holzgewächs vom Nachbargrundstück in meinen Garten und beschädigt den Zaun oder sogar das Haus, übernimmt meine Sturmversicherung als Teil der Eigenheimversicherung den Schaden.

Wer haftet für entstandene Schäden?

Tatsächlich sind die erkennbaren Schäden in meiner Gartenmauer durch die Wurzeln des Kirschenbaumes meines Nachbarn entstanden. In diesem Fall besteht eine Rechtswidrigkeit seitens des Baumeigentümers. Ich kann also Schadenersatzansprüche für die beschädigte Mauer stellen. Die notwendigen Kosten muss ich mir mit meinem Nachbarn allerdings zur Hälfte teilen (§ 422 ABGB Abs. 2).

Im Ernstfall: Rechtsschutzversicherung

Wie man sieht, können schon kleine Nachbarschaftsstreitigkeiten auch schnell zu Rechtsstreitigkeiten werden. Das finanzielle Risiko kann je nach Verfahrensausgang oft enorm sein und reicht von Kosten für Rechtsanwälte über Verfahrenskosten und Gerichtsgebühren bis hin zu Sachverständigenkosten. In solch einem Fall ist eine Rechtsschutzversicherung empfehlenswert, mit der man umfassend geschützt ist. Wenn nun zum Beispiel der Kirschenbaum meines Nachbarn auf mein Grundstück stürzt und ich Schadenersatzanspruch habe, genügt ein Schadenersatz-Rechtschutz. Darüber hinaus kann eine Erweiterung, etwa der Rechtsschutz für Grundstückseigentum und Miete, empfehlenswert sein, wie zum Beispiel für eine Unterlassungsklage.

Aber wie sagt man so schön? Durchs Reden kommen d’Leut z’sam – und was gibt es Schöneres als gute Nachbarschaft?

 

Autorin: Lisa Wissenwasser

10 Kommentare
  • Das ist wirklich ein schöne Zusammenfasseng. Wir haben leider auch einen Nachbarn und erkennen die Problemfälle 1-3 bei uns ziemlich deutlich wieder. Nach viel Ärger ist das Verhältnis deutlich gestört, Wir fühlen uns auf unserer Terrasse nicht mehr wirklich wohl und mussten jetzt gezwungener Maßen ordentlich aufrüsten und haben einen vernünftigen Sichtschutz aufgebaut.
    Wenn Jetzt wieder bald der Harbst kommt haben wir schon wieder Angst vor der nächsten Runde mit Problemfall 3.
    Früher oder später werden wir wohl den Baum wegnehmen müssen.

    Beste Grüße
    Mark

    • Hallo Mark,
      vielen Dank für das Feedback. Die Sache mit den Nachbarn ist mir persönlich auch nicht ganz unbekannt. Glücklicherweise habe ich auch eine Rechtsschutzversicherung, die ich im Fall des Falles aktivieren kann. „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt …“
      Herzliche Grüße
      Josef Glatzl, Allianz Unternehmenskommunikation

  • Vielen Dank, endlich einmal klar und deutlich. Leider kann man ja mit einigen Leuten ganz und gar nicht reden. Ich als sehr geduldig und friedliebender Mensch, kann mir jetzt leider auch nur mit meinem Rechtsschutz und einem Anwalt helfen. Der Baum meines Nachbarn etwa 8-10 Meter hoch direkt an der Gartengrenze, ist sichtlich kaputt, abgestorben und laut Aussage eines Gärtners innen schon hohl. teils sind schon abgestorbene Äste herunter gekommen. Dazu kommt das zu einem weiteren Nachbarn ein Starkstromkabel durch diesen und zwei weitere Bäume quer durch hängt. Unter all dem steht mein Gerätehäuschen und sitze ich mit meinen Besuchern auf meiner Terrasse. Ich denke das ist im Fall der Fälle lebensgefährlich!? Gefahr in Verzug, nennt man das soweit ich weiß. Sollte ich da noch andere Möglichkeiten haben, würde ich mich über Antworten freuen

    • Hallo Brigitte, am besten wär’s natürlich, wenn es mit dem Nachbarn eine Gesprächsbasis gibt. Dann könnte man die Frage auf sachlicher Ebene klären. Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, sollten Sie Ihre Versicherung informieren. Üblicherweise gibt es ein Erstinformationsgespräch mit einem Rechtsanwalt, der die Sache einmal grob beurteilt. Ein Anwaltsbrief hat auch schon oft Wunder gewirkt und eine verfahrene Situation geklärt. Auf jeden Fall ist es wichtig, die gefährliche Lage zu dokumentieren, ebenso die Klärungsversuche mit dem Nachbarn.
      Herzliche Grüße
      Josef Glatzl, Allianz Unternehmenskommunikation

  • Wie siehts denn mit folgendem Fall aus: Mein Nachbar ist auf mein Grundstück gekommen und hat 3 Koniferen abgesägt. Die standen nicht auf der Grenze, sondern vollständig auf meinem Grundstück, es gab auch keine Einwirkungen auf sein Grundstück (Licht/Schatten, Wurzeln etc.).
    Ich möchte die 3 schönen Koniferen natürlich ersetzt bekommen (Schadensersatz)- fällt das unter normaler Schadensersatz-Rechtsschutzversicherung oder und Grundstücks-Rechtsschutzversicherung?

    • Liebe Frau Büning,
      ihr geschilderter Fall wird, wenn das Haus ihrem eigenen Wohnzweck dient, der Schadenersatz-Rechtsschutzversicherung zugeordnet. Nur wenn Sie das Haus vermietet haben, betrifft das Anliegen die Grundstücks-Rechtsschutzversicherung.
      Am besten lassen Sie sich von Ihrem Anwalt zum Schadenumfang bzw. zu Ihrer möglichen Forderung beraten, vielleicht können Sie auch eine außergerichtliche Einigung erzielen.

      Liebe Grüße aus der Unternehmenskommunikation,
      Kerstin Klement

    • Zitat: „Mein Nachbar ist auf mein Grundstück gekommen und hat 3 Koniferen abgesägt.“

      Artikel: „Aber Vorsicht, Besitzstörung! Ist der Nachbar nicht informiert, darf ich seinen Grund nicht betreten und auch nicht auf den Baum klettern, um Äste abzuschneiden. Daher immer zuerst das Einverständnis holen.“

      Wen trifft hier die Beweislast? Kann der Nachbar gewesen sein, muss aber nicht. Könnte theoretisch ein wildfremder der zufällig vorbei gegangen ist, gewesen sein. Ja, weit hergeholt, aber …

    • Lieber Herr Flasch,

      in diesem konkret genannten Beispiel hätte der Kläger die Beweislast zu tragen.
      Sie sollten sich aber grundsätzlich an ihre Rechtsvertretung wenden, um eigene Ansprüche und Pflichten abzuklären.

      Herzliche Grüße aus der Blogredaktion,
      Kerstin Klement

  • Wer kann mir etwas über Kirschflecken, entstanden durch Kirschen vom Nachbargrundstück, auf unserer Terasse und die Kosten für eine Reinigung sagen.

    • Lieber Herr Schneider,
      haben Sie schon einmal mit Ihrem Nachbarn über die notwendige Reinigung der Kirschflecken auf Ihrer Terrasse gesprochen? Vielleicht lässt sich hier im Sinne des langfristigen Nachbarschaftsverhältnisses eine für beide Parteien zufriedenstellende Lösung finden. Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, können Sie sich auch bei dieser über den rechtlichen Sachverhalt und die Kostenübernahme informieren.
      Ich hoffe, die Antwort hilft Ihnen ein wenig weiter.

      Liebe Grüße aus der Unternehmenskommunikation
      Stephanie Scheubrein

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