Kleine Seelen mit schweren Rucksäcken

Hort-Besuch der Allianz

© Allianz


31. Oktober 2014 / geposted in / 0 Kommentare / von Gast Redakteur

Sie haben Gewalt und Elend erlebt. Mehr gesehen, als ein Mensch ertragen kann. Und sie haben kleine Herzen, die schlagen in der stillen Hoffnung, dass es einmal besser wird. Hier, im 20. Wiener Gemeindebezirk, besuchen die Mitarbeiter des Allianz Market Managements in Zweiergruppen einmal pro Woche den Hort der Kinderfreunde. Auf den ersten Blick ist es ein Hort wie jeder andere auch – ein Hort für 53 Kinder, mit acht Betreuerinnen und Betreuern gesetzlich gesehen vollbesetzt. Die besondere Lage führte im Laufe der Zeit dazu, dass alle Kinder einen Migrationshintergrund haben und „schwere Rücksäcke“ mit schlimmen Erfahrungen mit sich tragen – ein sogenannter Brennpunkt-Hort.

In der vergangenen Woche haben wir, Jennifer und Mareen, uns freiwillig gemeldet, um den Kindern bei ihren Mathe-Aufgaben, beim Geschichten Schreiben und beim Vorlesen zu helfen. Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – wir von unseren Kolleginnen und Kollegen bereits erfahren hatten, was auf uns zukommt, hatten wir auf dem Weg in den 20. Bezirk gemischte Gefühle. Wir wollten helfen und unterstützen, wussten aber nicht, womit wir genau rechnen konnten: Wie werden wir empfangen? Was kommt tatsächlich auf uns zu? Wie werden die Kinder auf uns reagieren? Werden sie sich freuen oder uns ablehnen? Wie gut sprechen die Kinder deutsch, sodass wir ihnen auch helfen können? Können wir ihnen überhaupt helfen, immerhin haben wir keine pädagogische Ausbildung.

Im Hort angekommen, waren wir positiv überrascht. Kinder, die lachten, spielten und zu Mittag aßen. Andere warteten bereits im Lernraum mit ihren Hausübungen auf uns. Die Leiterin empfing uns mit freundlichen Worten und erzählte von ein paar Schicksalen der Kinder, bevor wir uns ihnen zuwandten. Wir setzten uns zu ihnen, machten mit ihnen Mathe-Aufgaben und ließen uns vorlesen. Doch je länger wir dort waren, kamen die „schweren Rucksäcke“ zum Vorschein. Zwei Schilderungen, die uns besonders zu Herzen gingen, möchten wir hier mit Ihnen teilen:

Hort-Besuch

Mareen hilft David beim Lernen. © Allianz

Die sechsjährige Ana* musste vor wenigen Jahren mit ihrer Mutter aus Bosnien-Herzegowina flüchten, da es für die beiden zu unsicher wurde – ihr Bruder hatte dort bereits sein Leben verloren. Obwohl sie hier eigentlich in Sicherheit lebt, versuchte ihr Vater, die Kleine zu entführen und zurück nach Bosnien-Herzegowina zu bringen. Doch anstatt sich zu verstecken, wie es andere Kinder in ihrer Situation möglicherweise tun würden, ist sie sehr offen und wissbegierig und nahm unsere Hilfe dankend an. „Du kannst schon spielen gehen, deine Aufgaben sind doch schon fertig“, sagte Jennifer. „Ich möchte aber viel lieber noch etwas lernen“, antwortete Ana und nahm sich ein Buch. Obwohl sie noch in die Vorschule geht, macht sie bereits jetzt die Aufgaben der Zweitklässler, vielleicht auch deswegen, damit sie ihre Gedanken nicht wieder einholen.

Hort-Besuch

Jennifer und Karan* beim Vorlesen. © Allianz

Ein anderer „schwerer Rucksack“ verbirgt sich hinter dem achtjährigen Aslan*. Er lebt in einem Krisenzentrum und ist momentan auf der Suche nach einem Platz in einer Wohngemeinschaft. Beim Erledigen der Mathe-Aufgaben begann er, Symbole aus der NS-Zeit zu malen. Wir versuchten, ihm die Bedeutung dieser Zeichen zu erklären, und warum sie heute verpönt sind. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er in der ZIB-20 einen Bericht über den Zweiten Weltkrieg gesehen hatte, der ihn seitdem beschäftigt: „War Hitler als Kind auch schon böse? Glaubst du, Hitler wollte nicht auch einfach nur geliebt werden?“. Seine Fragen verursachten bei uns eine Gänsehaut. Was muss ein achtjähriges Kind bereits alles erlebt haben, dass es sich solche Fragen stellt? Er ist ein kleiner Junge, der schon mit acht Jahren erwachsen sein muss. Und trotzdem machte er seine Hausübungen – zwar etwas widerwillig, aber dennoch richtig. Aslan und Ana, zwei Kinder, die oberflächlich betrachtet so sind, wie wir es waren, in Wahrheit aber viel größere Lasten auf ihren jungen Schultern tragen, als wir es jemals mussten.

Um 16 Uhr wurden bereits die ersten Kinder abgeholt. Da kam auch für uns die Zeit zum Gehen. Der Abschied fiel uns schwerer als gedacht. Die Kinder wieder ihren Schicksalen zu überlassen, löste in uns noch gemischtere Gefühle aus, als wir vor unserem Besuch hatten. Irgendwie muss man den Kindern doch helfen können? Für uns steht fest, wir kommen wieder und werden auch in unserer Freizeit unterstützen, denn die Kleinen brauchen unsere Hilfe!

* Namen und Geschlechter wurden geändert.

 

Autorinnen: Jennifer Hideghéty und Mareen Jordan

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